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Lichtfeldkameras – Eine neue Ära der Fotografie?

Der Bereich der Fotografie steht nie still. Künstlerisch passt sich das Medium flexibel dem Zeitgeschehen an und technologisch entwickelt sich die Fotografie ständig weiter. Seit 2012 ist auch die Lichtfeldfotografie in aller Munde, ein Stückchen Realität gewordene Science Fiction aus Kinofilmen.  Aber welches Potenzial verbirgt sich dahinter? Welche Veränderung steht dem Fotografen bevor, oder dem Medium Fotografie als solches?

Als der erste Teil der Harry Potter Filme die Kinos eroberte, wurden viele in den Bann dieser magischen und trotzdem irgendwie bekannten Welt gerissen. Neben unsichtbaren Durchgängen zu versteckten Bahnhöfen blieben besonders die kleinen goldenen Schnatze – die selbstständig ihren Weg über das Quidditchfeld suchten – sowie die animierten Fotos in der Tageszeitung in Erinnerung, zumindest bei mir. Was damals noch die Fantasie beflügelte und als unmöglich oder gar utopisch abgetan wurde, ist in gewisser Weise heute schon Realität geworden, zumindest für den geneigten Fotografen. Statt einen Schnatz über ein Spielfeld zu scheuchen, steht der Fotograf entspannt am Rand des Geschehens und steuert gemütlich seine Drohne mit montierter Kamera und schafft dabei Aufnahmen, auf die Hollywood vor einigen Jahren noch heiß gewesen wäre. Verliert er mal den Überblick über den Flugroboter, reicht ein Knopfdruck und die Drohne kehrt selbstständig zum Fotografen zurück. So einfach ist das im Jahr 2014.

Ähnlich sieht es mit den animierten Fotos in einer Tageszeitung aus. Auch hier hat sich seit erscheinen des Films im Jahr 2001 einiges getan. Im Laufe der Jahre wurden die ersten Experimente gestartet eine Tageszeitung im Internet abzubilden. Hier war es nun möglich, Videos anstelle von Fotografien als bildliche Informationsbegleitung einzusetzen, hinzu kamen Fotogalerien, GIF-Animationen und Diashows. Mittlerweile haben die meisten Leute ein Smartphone und/oder Tablet und können auf diesen Endgeräten multimediale Informationsangebote in Hülle und Fülle konsumieren. Der multimediale Overkill ist Realität geworden, ohne noch etwas magisches an sich zu haben. Was bisher aber noch fehlte war die Möglichkeit mit diesen Inhalten als Nutzer auch interagieren zu können. Aber auch hierfür gibt es mittlerweile eine Lösung.

 

„Bedarf geweckt, Bedarf gedeckt“, Redewendung aus dem Film Robots.

 

Als das amerikanische Unternehmen Lytro 2012 seine erste Lichtfeldkamera der Öffentlichkeit präsentierte, stellte diese neue Technologie viele Fotografen vor eine wichtige Frage: Welche Auswirkungen wird diese Technologie auf meinen Berufsstand oder meine Art der Fotografie haben? Jetzt, zwei Jahre später hat Lytro eine professionellere Version seiner Kamera – die Lytro Illum – vorgestellt und so langsam zeichnet sich auch eine Perspektive für diese neue Art der Fotografie ab.

Bei der Lichtfeldfotografie nimmt der Bildsensor nicht nur die Helligkeitsverteilung auf einem Sensor auf, sondern – vereinfacht gesagt – er kann auch erkennen in welchem Winkel ein Lichtstrahl auftrifft. Dadurch ist es möglich dem „Foto“ bestimmte Tiefeninformationen mitzugeben – ein leichter 3-Dimensionaler Effekt entsteht. Mit der richtigen Software auf dem Computer, Tablet, Smartphone oder Webserver kann der Nutzer nun mit diesen Tiefeninformationen spielen und beispielsweise den Focuspunkt nachträglich bestimmen.

 

„Wir brauchen die Blende nicht mehr als Gestaltungsmittel“, Aussage einer Lytro-Mitarbeiterin auf der Photokina 2014.

 

Für den Druck, also die gewohnten Printabzüge, ist die Lichtfeldtechnik allerdings nicht gedacht. Derzeit distanziert sich das Unternehmen in seinen Aussagen dahingehend und verweist auf die Stärken in der elektronischen Abbildung und der ermöglichten Interaktivität. Zu herkömmlichen Kameras vergleichende Megapixelangaben erhält man vom amerikanischen Hersteller nicht. Anwendungsgebiete sieht Lytro zukünftig bei interaktiven Produktfotos oder in den sozialen Medien. Print gehört derzeit nicht dazu. Auf der Photokina 2014 machte Lytro deutlich, dass derzeit zahlreiche Kooperationen mit bekannten Unternehmen angestrebt werden, um die Lichtfeldtechnik für die Menschen erlebbar zu machen. Weiterhin hat sich Lytro zum Ziel gesetzt die derzeitigen Möglichkeiten der Lichtfeldtechnologie massiv zu steigern.

Meines Erachtens ist die Lichtfeldfotografie zum derzeitigen Stand vergleichbar mit dem 3-D-Druck vor 10 Jahren. Eine definitive Zukunftstechnologie, die noch in der frühen Entwicklung steckt und deren Potenzial sich erst noch entfalten wird. Einen wichtigen Faktor wird dabei die Akzeptanz der Nutzer spielen. Schaut man sich Filme wie Matrix an – deren Bullettime-Effekt beim ersten Ansehen ein „Ahhh“ und „Ohhh“ auf die Lippen der Zuschauer zauberte und danach nur noch mit müdem Gähnen Beachtung fand – sind Indikatoren erkennbar wie schnell ein neuer visueller Effekt verpuffen kann. Zudem muss, meines Erachtens, die Lichtfeldfotografie in Zukunft auch brauchbare „Printfotos“ bzw. statische Fotos liefern können. Ein Foto bleibt ja nun mal ein Foto, d.h. der Fotograf als Künstler trifft die Entscheidung – und möchte sich diese auch nicht abnehmen lassen – wie er einen bestimmten Moment festgehalten hat.

Schlussendlich bin ich der Überzeugung, dass die Lichtfeldfotografie zukünftig ein neues Utensil im Werkzeugkoffer des Fotografen sein wird. Sie wird aber sicherlich die herkömmliche (statische) Art der Fotografie nicht ersetzen, sondern nur ergänzen. Auch sehe ich spezielle Einsatzgebiete, wie beispielsweise in der Überwachung. Schon in dem Film “Blade Runner” aus dem Jahr 1982 konnte der Protagonist ein Foto beliebig vergrößern und in gewissem Maße 3-dimensional beeinflussen. An solch einem Beispiel ist erkennbar, welches Potenzial in einer Technologie verborgen sein kann.

Ob die neue Lichtfeldtechnik später der aktuellen Aufnahmetechnik den Rang ablaufen wird, wird sich zeigen. Alles steht und fällt mit der technologischen Entwicklung und Akzeptanz der Menschen.

About the author

Christian Thieme

Christian Thieme ist Journalist und Fotograf aus Nordrhein-Westfalen.

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